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Mittwoch, 29. Juli 2020

Aktuelles DEL2-Interview Bietigheim: Sanierung unter Kontrolle statt DEL2-Aus – Liga-Verantwortliche erklären den "Vergleich im Sinne des Sports"

DEL2-Geschäftsführer René Rudorisch.
Foto: City-Press

Die Bietigheim Steelers bleiben Teil der DEL2 – das ist die Quintessenz des in der Vorwoche von der DEL2 vermeldeten Vergleichs zwischen Liga und Club vor dem DEL-Schiedsgericht. Wie es zu dieser Kehrtwende nach der Lizenz-Verweigerung vor gut drei Wochen kam und unter welchen Voraussetzungen die Steelers weiter am Spielgeschehen in Deutschlands zweithöchster Spielklasse teilnehmen dürfen, war für die Eishockeyfans weniger durchsichtig. Im Interview wollen DEL2-Geschäftsführer René Rudorisch und Dr. Peter Merten, DEL2-Aufsichtsratschef, Licht ins Dunkel zu bringen, und die ein oder andere Frage der DEL2-Fans klären.

Für unsere aktuelle Print-Ausgabe haben wir zudem mit Steelers-Geschäftsführer Volker Schoch gesprochen, der sich "hochgradig erleichtert" zeigte: „In unserer Position sind wir dankbar, dass wir weiterspielen dürfen. Wir haben eine klare Ansage bekommen.“ Seine weiteren Äußerungen und die Einordnung des Vergleichs beider Parteien vor dem DEL-Schiedsgericht finden Sie in unserer aktuellen Print-Ausgabe!

Herr Rudorisch, wie zu erwarten war, erntete die Tatsache, dass die Bietigheim Steelers auf Drängen des Schiedsgerichts die DEL2-Lizenz für 2020/21 doch noch erhalten haben, viel Kritik unter den Fanlagern der restlichen 13 Clubs. Waren Sie vom Echo des Ausgangs des Verfahrens überrascht?
René Rudorisch: "Nein, grundlegend nicht. Da derartige Verfahren und vor allem komplexe Inhalte schwer oder gar nicht nach außen vermittelbar sind, besteht wenig Wissen oder rechtliche Kenntnis. Dies führt natürlich, egal welche Entscheidung man trifft, zu Unmut auf der einen oder anderen Seite. Zudem ist bei Schiedsverfahren als nicht öffentliche Verfahren immer Stillschweigen vereinbart."

Besonders oft wurde auf die Fälle Landshut (2015) und Riessersee (2018) hingewiesen. Inwiefern unterscheidet sich der Fall Bietigheim 2020 von diesen?
Rudorisch: "Die Fälle unterscheiden sich inhaltlich alle voneinander. Im Fall des SC Riessersee wurde vor Ende der Lizenzprüfung von Seiten des Clubs zurückgezogen und damit die Lizenzprüfung nicht vollendet. Im Fall von Landshut weigerte man sich von Seiten des Clubs bis Ablauf der Fristen die Vorgaben der Lizenzordnung zu erfüllen. Im Fall von Bietigheim wurden, wenn auch spät, vor Ende der Fristen Lösungsmöglichkeiten zumindest angedeutet."

Einen Club, der aufgrund der im Lizenzierungsprozess nicht rechtzeitig nachgewiesen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit seine Lizenz vor dem Schiedsgericht erstreiten muss, mit einer hohen Geldstrafe und dem Nachweis von frei verfügbarem Kapital ohne Gegenleistung im mittleren sechsstelligen Bereich zu belegen, scheint auf den ersten Blick für die Fans/Beobachter paradox. Wieso wurde diese Art der Strafe dennoch gewählt?
Rudorisch: "Wir empfinden diese Strafe nicht paradox. Hauptsächlich geht es in den Auflagen darum, dem Club frei verfügbares Kapital zuzufügen, um einen reibungslosen Spielbetrieb über die gesamte Saison für alle Beteiligten der Liga sicherzustellen. Dass der Club wirtschaftliche Probleme im Rahmen des Lizenzprüfungsverfahrens dargestellt hat, liegt seit seinen eigenen Stellungnahmen auf der Hand. Mithilfe unserer Auflagen unterstützen wir die Kapitalzufuhr auf Clubseite und damit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit über das in der Lizenzordnung normal geforderte hinaus. Dem steht auch die wirtschaftlich kleinere Sanktion gegenüber der Ligagesellschaft nicht entgegen."

Wäre auch eine sportliche Bestrafung in Form eines Punktabzugs (wie bei Dresden 2009) und/oder ein Ausschluss aus den Playoffs möglich gewesen? Stand so etwas im Laufe des Verfahrens zur Debatte?
Rudorisch: "Eine Bestrafung im sportlichen Bereich ist direkt im Rahmen der Lizenzprüfung nicht vorgesehen, schon gar nicht der Ausschluss aus irgendeinem Wettbewerb. Die Lizenzprüfung hat die Aufgabe, die wirtschaftliche Fairness untereinander zu regeln und die wirtschaftliche Stabilität für die Liga zu sichern. Eine Verknüpfung und Einflussnahme auf den Sport wurde deswegen auch nicht in Betracht gezogen."

Kann man die Verfahrenskosten, die Bietigheim zu tragen hat, zumindest grob beziffern?        
Rudorisch:
"Die genauen Angaben dazu laufen alle unter dem vereinbarten Stillschweigen. Allerdings muss man hierfür sicher einen mittleren fünfstelligen Betrag einplanen."

Herr Dr. Merten, wäre es im Nachhinein betrachtet, mit Blick auf die Außenwirkung des Verfahrens sinnvoller gewesen, die Lizenz für die Steelers im ersten Anlauf unter Vorbehalt (Abwarten der Nachweise/Fristaufschub) zu erteilen?
Peter Merten: "Ganz klar nein! Wir würden die harte Entscheidung im Rahmen der Lizenzprüfung zur Nichterteilung mit Bezug auf die Fristen genauso nächstes Jahr wieder treffen. Dem Aufsichtsrat lagen zwei unterschiedliche Zeitpunkte zum Treffen seiner jeweiligen Entscheidung und damit einhergehend zwei unterschiedliche Informationsgrundlagen zugrunde. Somit würden wir nach Verlauf des Schiedsgerichtsverfahrens und den darin aufkommenden Empfehlungen und Einschätzungen im vorliegenden Fall auch die Entscheidung zum Vergleich und der nachträglichen Erteilung der Lizenz unter Auflagen wieder treffen."

Gibt es für die geforderten "Sanierungsbemühungen der Steelers" einen konkreten Zahlen- und Zeitplan? Wie muss man sich die erwirkten monatlichen Reports des externen wirtschaftlichen Beraters an die Liga vorstellen?
Rudorisch: "Der Zeitplan erstreckt sich zunächst auf die komplette Saison. Gefordert wird ein strenges internes Controlling im wirtschaftlichen Bereich. Gegenüber der Ligagesellschaft muss monatlich eine Zwischenbilanz, die BWA (Anm. d. Red.: Betriebswirtschaftliche Auswertung) mit Abweichungsanalyse zur Plan-BWA, ein Liquiditätsplan und somit Informationen über wesentliche Änderungen bei Personal-, Sponsoren-Verträgen und der übrigen Erlöse und Kosten vorgelegt werden."

Tatsächlich etwas unübersichtlich ist für viele die Sache mit der hohen Geldstrafe und dem Nachweis von frei verfügbarem Kapital ohne Gegenleistung im mittleren sechsstelligen Bereich: Das sind zwei verschiedene Sachen, oder? Wenn ja, kann man zumindest einen groben Wert für die Geldstrafe nennen - und was genau steckt als Sinn hinter dem Nachweis von frei verfügbarem Kapital ohne Gegenleistung im mittleren sechsstelligen Bereich?
Rudorisch: "Wie bereits bei einer vorhergehenden Frage beantwortet, geht es bei der Zuführung von frei verfügbarem Kapital um finanzielle Mittel, die den Steelers uneingeschränkt zur Verfügung stehen und somit die wirtschaftliche Absicherung des Spielbetriebs und Sanierung unterstützen. Diese Mittel gehen über die ohnehin in der Lizenzprüfung geforderten Absicherungen deutlich hinaus. Die Geldstrafe für die Versäumnisse gegenüber der Ligagesellschaft beläuft sich auf einen mittleren fünfstelligen Betrag."
 
Herr Merten, ein Vergleich bedingt ja das Einverständnis beider Parteien: Was waren die Gründe, die den DEL2-Aufsichtsrat im Laufe der letzten Wochen nach der ursprünglichen einstimmigen Lizenzverweigerung nun zur Lizenzerteilung unter harten Auflagen bewogen haben – und gegen die Erzwingung eines Urteils durch das Schiedsgericht gesprochen haben?

Merten: "Diese Entscheidungen sind immer abhängig vom Verlauf des Schiedsverfahrens und den inhaltlichen Fragestellungen und Einschätzungen des Schiedsgerichts. Das Gericht riet zu einer Entscheidung im Sinne der Sicherheit des Spielbetriebs und des Sports. Die grundlegende Frage orientierte sich darauf, wäre die Anwendung eines Ermessens und damit ein verfügbares milderes Mittel, unter anderem durch Bestimmung einer Auflage, eine Alternative zum harten Lizenzentzug gewesen. Hinzu kommt immer auch eine gewisse Interessenabwägung durch das Schiedsgericht zum Wohle aller Beteiligten, also auch der anderen Clubs, Spieler und Partner der Steelers. Infolgedessen wurde ein Vergleich vorgeschlagen, der anhand der von uns vorzunehmenden Abwägungen anders entschieden werden konnte als zum Zeitpunkt der Lizenzverweigerung. Wir sind der Meinung, damit in Bezug auf die bestehenden Ordnungen und Vorgaben und im Sinne der Liga die richtige Entscheidung getroffen zu haben."

Interview: Sebastian Groß


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Kurznachrichtenticker

  • vor 20 Minuten
  • Während Damian Schneider neu im Team der Lindau Islanders ist, verlässt Sofiene Bräuner (21) die Mannschaft vom Bodensee wieder. Der gebürtige Freiburger kam Ende Oktober 2019 aus Essen nach Lindau und verbuchte anschließend 25 Scorer-Punkte in 39 Partien.
  • vor 22 Minuten
  • Angreifer Damian Schneider (28) verlässt die EXA IceFighters Leipzig und schließt sich 2020/21 Süd-Oberligist Lindau an. Zuvor hatte er eigentlich eine vierte Saison in Leipzig angepeilt, die unsichere Gesamtsituation (Leipzig wurde die Lizenz in erster Instanz verweigert) aber zum Umdenken geführt.
  • vor 2 Stunden
  • DEL-Club Augsburger Panther und Oberliga-Süd-Club ECDC Memmingen Indians werden auch 2020/21 kooperieren. Die beiden Vereine gehen damit in ihr drittes gemeinsames Jahr. In die Zusammenarbeit ist auch weiterhin der Nachwuchs des Augsburger EV mit eingebunden.
  • vor 3 Stunden
  • Johannes Ehemann beendet mit 24 Jahren seine Eishockey-Karriere und widmet sich fortan komplett seiner künstlerischen Laufbahn. Der Schritt falle ihm sehr schwer, doch das doppelte Pensum sei nicht mehr zu stemmen, erklärte der zuletzt für Halle aktive Angreifer per Facebook-Videonachricht.
  • vor 3 Stunden
  • Die Adler Mannheim haben Davis Koch (22, 2019/20: 42 Scorer-Punkte) bis 2021 aus Heilbronn verpflichtet und ihn direkt wieder an den DEL2-Kooperationspartner verliehen. Ab Januar könne Koch eine Förderlizenz erhalten. Der Deal sei vor dem intern verhängten Transferstopp über die Bühne gegangen.

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