Darryl Sittler erzielte vor 50 Jahren zehn Punkte in einem NHL-Spiel.
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Vor 50 Jahren ereignete sich im altehrwürdigen Maple Leaf Gardens von Toronto etwas, was sich in der NHL wohl nie mehr wiederholen wird: Am 7. Februar 1976 hat der legendäre Darryl Sittler, Kapitän der Toronto Maple Leafs, beim 11:4-Sieg gegen die Boston Bruins nicht weniger als zehn Scorer-Punkte erzielt. Sechs Tore, vier Assists – Zahlen, die auch ein halbes Jahrhundert später wie ein statistischer Übertragungsfehler wirken.
Besonders das zweite Drittel dieses legendären Spiels, in dem er an neun Toren direkt beteiligt war, blieb in Erinnerung. Dass ein Spieler innerhalb von zwanzig Minuten nahezu ein komplettes Spiel allein entscheidet, war selbst damals eine Ausnahme. In der heutigen NHL wäre ein solches Ereignis wohl undenkbar. Sam Gagner gelangen 2012 acht Punkte in einem Spiel, Nick Schmaltz 2002 deren sieben. Connor McDavid schaffte bisher zweimal sechs Zähler.
Der Abend von Toronto steht aber exemplarisch für eine Ära, in der individuelle Brillanz stärker durchschlagen konnte als heute. Aber auch in den 1970er-Jahren gab es defensive Strukturen, robuste Gegenspieler und herausragende Torhüter. Entscheidend war vielmehr Sittlers Spielintelligenz: sein Gespür für Räume, sein präziser Abschluss aus der Halbdistanz und seine Fähigkeit, Mitspieler im richtigen Moment einzusetzen. Der Rekord ist also kein „Zufall“.
Darryl Sittler war damals 25 Jahre alt und dominierte das Geschehen in der NHL vergleichsweise so, wie es Sidney Crosby in seinen besten Jahren tat. Denn wenn man Sittlers Spiel aus heutiger Perspektive verstehen will, führt der nahe liegendste Vergleich über seine Spielkontrolle, Übersicht und Verantwortungsbewusstsein. In diesem Sinn ist Crosby der wohl stimmigste moderne Referenzpunkt. Beide Spieler verkörpern einen Stil, der weniger auf maximale Geschwindigkeit als auf maximale Wirkung ausgelegt ist. Sittler war ein Center, der das Spiel las und lenkte und Puckschutz, Timing und Entscheidungsqualität neu definierte. Statistisch lassen sich die Unterschiede der Epochen aber kaum sinnvoll angleichen.
Der Blick auf vergleichbare Rekorde zeigt, wie isoliert Sittlers Leistung bis heute steht. Wayne Gretzky kam in seiner Karriere viermal auf acht Punkte in einem Spiel. Mario Lemieux gelang 1988 ein Spiel mit fünf Toren in fünf verschiedenen Spielsituationen. In der Frühzeit der NHL wiederum setzten Spieler wie Maurice Richard Maßstäbe in anderen Dimensionen, etwa mit 50 Toren in 50 Spielen, doch auch sie blieben in Einzelspielen deutlich unter zehn Punkten.
Je näher man sich der Gegenwart nähert, desto deutlicher wird die Singularität des Rekords. In der hoch strukturierten NHL der 2010er- und 2020er-Jahre sind Spiele mit sechs Scorer-Punkten bereits eine Sensation. Selbst Ausnahmespieler der Gegenwart, die das Spieltempo und die Offensivkraft neu definiert haben, bewegen sich statistisch in engeren Korridoren. Videoanalyse, Rollendisziplin, athletische Verteidiger und ausgeglichene Kader lassen individuelle Explosionen kaum mehr zu.
So ist Darryl Sittlers Zehn-Punkte-Abend mehr als eine historische Randnotiz. Er markiert einen Fixpunkt der NHL-Geschichte. Fünfzig Jahre später steht dieser Rekord nicht nur unangetastet da, sondern wirkt vielleicht unüberwindbarer denn je.
Auch das Trikot, das Darryl Sittler in dem historischen Spiel am 7. Februar 1976 trug, hat eine besondere Geschichte: Zu jener Zeit war es für Spieler üblich, die Trikots nicht aufzubewahren, sondern sie nach der Saison abzugeben, weil sie als „Arbeitskleidung“ galten. Sittler selbst hatte es nach dem Spiel nicht behalten, und der Club gab das Trikot irgendwann weiter – vermutlich sogar an jemanden außerhalb der Organisation.
Das Trikot galt jahrzehntelang als verschollen, bis es 2018 wieder auftauchte. Es war in einem Lagerhaus in New Jersey entdeckt worden, nachdem ein Sammler es dort beim Kauf einer größeren Sammlung gefunden hatte. Anschließend gelangte es in den Besitz eines amerikanischen Sammlers, der es sich offenbar nicht bewusst war, welches Stück Hockey-Geschichte er da hatte. Die NHL-Hall-of-Fame-Experten konnten es später aber zweifelsfrei als genau das Trikot identifizieren, das Sittler an diesem historischen Abend getragen hatte. Danach wurde das Trikot zeitweise für Auktionen angeboten - teils mit Geboten im sechsstelligen Bereich über 60.000 US-Dollar, weil es neben Gretzky- oder Orr-Stücken zu den seltensten und historisch bedeutsamsten Gameworn-Jerseys gehört. Wo es genau die Jahre davor war, lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren, aber es war auf jeden Fall lange außerhalb offizieller NHL-Archive unterwegs.
Im Lauf der vergangenen Jahre – unter anderem organisiert durch Freunde und ehemalige Kollegen von Sittler – gelang es, das Trikot zurück nach Toronto zu holen. Für das 50-Jahr-Jubiläum seiner Rekordnacht (2026) wurde das Trikot Sittler persönlich übergeben, und er trug es sogar bei einer Zeremonie im Scotiabank Arena im Rahmen der Jubiläumsspiel-Feierlichkeiten.
Sittler war über Jahre das offensive Gewissen eines Teams, das sportlich oft hinter den eigenen Ansprüchen zurückblieb. Er spielte zwischen 1970 und 1985, also nach jenem bislang letzten Stanley Cup von 1967. Er kam in 1.096 Hauptrundenspielen auf 484 Tore, 637 Vorlagen und 1.121 Punkte. In der Ewigen Statistik der Liga belegt er damit Rang 68. Bei den Leafs ist er mit 916 Punkten hinter Mats Sundin (987) die Nummer zwei. Er zählt er zu den prägenden Figuren der Franchise-Geschichte – und zu den wenigen Spielern, deren Name untrennbar mit einem singulären Moment verbunden ist.
Joël Wüthrich