Für Tobias Rieder (Mitte) & Co. sind die Olympischen Winterspiele in Mailand seit Mittwochnachmittag beendet.
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Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft der Männer ist nach einem insgesamt enttäuschenden Olympia-Turnier, trotz glücklicher Ausgangslage durch den Modus, im Viertelfinale ausgeschieden – eine Suche nach den Gründen.
Um es vorab zu sagen: Das Erreichen des Viertelfinales war vor dem olympischen Turnier durchaus ein realistisches Ziel gewesen, angesichts der Stärke der Konkurrenz – und keine Enttäuschung. Denn bei allen anderen Teams unter den besten Acht stehen in Kombination mehr aktuelle oder ehemalige NHL-Spieler im Kader als es im deutschen Kader der Fall war – zweifellos ein wichtiger Punkt, der das deutsche Scheitern erklärt, das selbst gegen die Slowakei keineswegs überraschend kam.Weniger das Aus an sich also, wohl aber die schwache Art und Weise, mit der sich das deutsche Team über weite Strecken in Mailand präsentierte, verwunderte. Dabei waren die Probleme vielschichtig.
Von Anfang an war klar, dass die Abwehr die große Schwachstelle im DEB-Team sein würde. Denn hinter einem angehenden Weltstar in Moritz Seider klafft in Sachen defensiver Qualität im deutschen Eishockey eine enorme Lücke. Wo eine Mannschaft, wie beispielsweise die Slowaken, aber auch Tschechien oder die Schweiz neben mehreren NHL-Spielern auch weitere ehemalige Kräfte aus der besten Liga in ihren eigenen Reihen wissen, fehlte diese Erfahrung beim deutschen Team in der Tiefe komplett.
Hinzu kamen fragwürdige Nominierungen. Nicht nur nominierte der Bundestrainer Kai Wissmann – in Normalform zweifellos einer der besten deutschen Abwehrspieler hinter Seider – trotz einer schweren Achillessehnenverletzung ein halbes Jahr zuvor nahezu ohne Matchpraxis. Geradezu stur setzte Harold Kreis den 29-Jährigen im Turnierverlauf auch noch mit vielen Spielminuten ein, obwohl schnell klar wurde, dass Wissmann in Mailand von seiner Bestform in Sachen Mobilität, Tempo und Entscheidungsfindung noch meilenweit entfernt ist.
Warum Kreis zudem gesunde Spieler wie unter anderem Maksymilian Szuber oder Leon Hüttl zu Hause ließ, aber mit Korbinian Geibel einen im Vorfeld ebenfalls länger verletzten Akteur mitnahm, ohne diesem dann eine Minute Einsatzzeit zu geben, obwohl sein erfrischender Spielstil dem Team von der blauen Linie aus durchaus hätte helfen können? Nicht nachvollziehbar.
Ebenfalls nur schwer zu verstehen war die Art und Weise, wie Deutschland taktisch in die Spiele ging. Es schien, als herrsche vor allem das Motto vor: Alle Pucks zu den NHL-Stars, die werden es schon irgendwie richten. Absurde Eiszeiten von weit über 20 Minuten für Draisaitl, Stützle oder Seider bewiesen, dass Kreis dem Rest seines Teams offenbar nie richtig vertraute – und die Stars damit verheizte.
Selbst ein Nico Sturm, in der NHL als starker Defensivstürmer geschätzt, bekam erstaunlich wenig Eiszeit. Wojciech Stachowiak, jahrelang auch in der Nationalmannschaft für hartes Zwei-Wege-Spiel bekannt, wurde nach der Partie gegen Lettland, in der er nach einer frühen Strafzeit bereits kaum mehr Eiszeit erhielt, nicht mehr eingesetzt. Offiziell hieß es „Rotation", dann wurden seine Dienste offenkundig gar nicht mehr benötigt.
Fehlanzeige war so auch die Bildung einer Teamidentität, wie es auch der vor dem Turnier entthronte Kapitän Moritz Müller anmerkte. Durch das wilde Wechseln und die Doppeleinsätze in der Rotation von Draisaitl & Co. kam ein echter Spielrhythmus in den Reihen gar nicht erst auf. Wenn die NHL-Stars nicht gerade individuell glänzten, was ihnen durchaus öfter gelang, fehlte es gewaltig an Abstimmung und defensiver Zuordnung, ja einem schieren Plan. Obendrein war Eingespieltheit so ein Ding der Unmöglichkeit.
Schon den Dänen und Letten in den ersten beiden Turnierspielen war es so immer wieder ein Leichtes gewesen, mit Kontern für große Gefahr vor dem deutschen Tor zu sorgen – erst recht natürlich dann für die besser besetzten US-Amerikaner und den bissigen Slowaken, die zum zweiten Mal in Folge für ein deutsches Olympia-Aus sorgten.
Die Erwartungshaltung in Eishockey-Deutschland, befeuert auch durch die deutschen Protagonisten selbst, war vor dem Turnier hoch, extrem hoch. Noch vor der Viertelfinalpartie sprachen deutsche Nationalspieler immer wieder davon, mit dem besten deutschen Team der Geschichte bei Olympia aufzutreten. Dieser auch eigenen Wahrnehmung konnte die Mannschaft indes zu keinem Zeitpunkt standhalten. Der Hype, der zu Träumen von einer Medaille, geschweige denn Gold, führte, ignorierte die Kräfteverhältnisse im Vergleich zu den anderen mit NHL-Spielern top besetzten Kadern allerdings fast vollständig. Und führte offenkundig auch dazu, dass sich das DEB-Team – von der Sportlichen Leitung bis zu den Spielern – selbst falsch einschätzte.
Unter dem Strich steht aber vor allem, dass die angeblich beste deutsche Eishockey-Nationalmannschaft aller Zeiten, wie sie vor allem angesichts ihrer bislang tatsächlich nie dagewesen deutschen NHL-Stars Leon Draisaitl, Seider und Tim Stützle vielfach bezeichnet wurde, vor allem eines nicht war: eine Mannschaft.
Joachim Meyer