Freudentaumel: Auf dramatische Weise sicherten sich die USA am Donnerstagabend den Olympiasieg bei den Frauen.
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Die USA haben sich nach 1998 und 2018 zum dritten Mal die Goldmedaille beim olympischen Eishockeyturnier der Frauen gesichert – und das auf dramatische Weise. Im Finale von Mailand lag die Mannschaft von Trainer John Wroblewski am Donnerstagabend bis zur 58. Spielminute gegen Kanada in Rückstand, ehe ein Abfälscher von Hilary Knight und eine Einzelaktion von Megan Keller zum 2:1-Siegtor in der Overtime doch noch für den Triumph im nordamerikanischen Klassiker sorgten. Mit sieben Siegen aus sieben Spielen und nur zwei (!) Gegentreffern im Turnierverlauf holten sich die Vereinigten Staaten den 2022 in Peking an die Kanadierinnen verlorenen Titel zurück.
Das fünfte Frauen-Endspiel zwischen den nordamerikanischen Rivalinnen in Folge begann abwartend und von beiden Seiten ohne das höchste Risiko. Kanada war das im Auftaktdrittel das bei numerischer Ausgeglichenheit etwas zwingendere Team, während die USA ihr Momentum vor allem aus dem starken Unterzahlspiel zogen, das in den ersten 20 Minuten gleich zweimal ranmusste. Doch das Penalty Killing funktionierte auch bei den Ahornblättern – und wie: 54 Sekunden nach dem Beginn des zweiten Abschnitts bekam Kristin O'Neill den Puck bei einem Unterzahlkonter per Querpass von Laura Stacey serviert und legte die Scheibe mit der Rückhand an US-Kepeerin Aerin Frankel zum 1:0 vorbei.
Die kanadische Führung tat dem Unterhaltungswert der Partie, die in der Folge weitaus offener geführt wurde und noch einmal an Tempo zulegte, mehr als gut. Hannah Bilka hatte den schnellen Ausgleich auf dem Schläger, zielte freistehend am zweiten Pfosten jedoch viel zu hoch – nicht nur in dieser Szene stand die kanadische Defensive trotz des knappen Vorsprungs plötzlich nicht mehr so kompakt wie noch im Auftaktdurchgang. Auf der anderen Seite kam das Führungstor den Kanadierinnen offensiv entgegen, weil sie die größte Gefahr ohnehin bei ihren zielstrebig und energetisch vorgetragenen Umschaltaktionen ausstrahlten. Brenzlig wurde es für die Vereinigten Staaten darüber hinaus mehrmals bei Abfälschern von Sarah Fillier. Erst parierte Frankel jedoch glänzend, ehe der Puck beim zweiten Versuch haarscharf am US-Gehäuse vorbeistrich. Vor dem dritten Abschnitt blieb das Finale somit eng.
Gleichwohl wurde die Aufgabe für die Vereinigten Staaten nicht einfacher, weil Kanada im dritten Durchgang wieder stabiler verteidigte als noch im zweiten Drittel. Die US-Amerikanerinnen rannten an und hatten viele Spielanteile, im Angriff zwingender, weil geradliniger und mit der besseren Entscheidungsfindung ausgestattet war indes die Mannschaft von Chefcoach Troy Ryan. Eine späte Strafe gegen Britta Curl wegen eines Bandenchecks machte die Hürde für die Vereinigten Staaten noch höher, die Kanadierinnen spielten die Uhr clever runter – und kassierten zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit doch noch den Ausgleich. Frankel war bereits vom Eis gegangen, als Hilary Knight einen Schlenzer von der blauen Linie von Laila Edwards unhaltbar für die fehlerlose kanadische Schlussfrau Ann-Renée Desbiens zum 1:1 abfälschte und das Duell in die Overtime schickte.
Diese wurde im Drei-gegen-drei-Format ausgespielt – und anders als in so manch bedeutungsloserem Eishockeyspiel gesehen setzten die beiden Mannschaften keineswegs auf Risikovermeidung und Puckbesitz, sondern lieferten sich einen offenen Schlagabtausch mit Chancen auf beiden Seiten. Dementsprechend dauerte es nur vier Minuten und sieben Sekunden bis zur Entscheidung. Nach einem langen Pass aus der eigenen Zone von Taylor Heise ließ die aufgerückte Verteidigerin Megan Keller ihre Gegenspielerin Claire Thompson ganz schlecht aussehen, zog von der linken Seite nach innen und fand mit ihrem Rückhandschuss einen Weg vorbei an Desbiens, obwohl Kanadas Torfrau noch an der Scheibe war.
Aus Mailand von den Olympischen Winterspielen berichtet Stefan Wasmer