Kompalla bei der Weltmeisterschaft im Jahr 1985.
Foto: IMAGO/Horstmüller
Es war Freitag, der 13. März, als im Jahre 1936 im oberschlesischen Kattowitz ein Baby das Licht der Welt erblickte, das Jahre später großen Einfluss auf das deutsche Eishockey haben sollte. Josef, eigentlich nur unter dem Namen Jupp bekannt, Kompalla besuchte in den ersten Jahren eine deutsche, dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, eine polnische Schule, in der er auch, gezwungenermaßen, Russisch erlernen musste. Dies sollte sich aber während seiner Schiedsrichtertätigkeit als ein kleiner Vorteil erweisen. Aber der Reihe nach.
Schon sehr früh hatte er sich für das Eishockey entschieden und wurde bis 1958, als er mit seiner Familie nach Deutschland übersiedelte, mit seinem Heimatverein Kattowitz dreimal polnischer Juniorenmeister und zum Abschluss seiner Zeit in Polen mit Gornik Katowice 1958 polnischer Meister. In Deutschland landete die Familie Kompalla in Krefeld, wo sich der Jubilar den dortigen Preußen anschloss und für diese noch 13 lange Jahre in der Defensive aktiv war. „Ich bekam dann irgendwann einen Anruf vom Schiedsrichterobmann, ob ich nicht Interesse hätte, die Seiten zu wechseln“, erinnert er sich. „Ich hätte vielleicht noch zwei, drei Jahre als Verteidiger spielen können, habe ich aber nicht gemacht und auch nie bereut! Nach ein paar unterklassigen Spielen fand ich mich zu meiner Verwunderung in der Bundesliga wieder!“ Doch damit nicht genug, denn 1972 bekam er einen Anruf von oberster Stelle, dem IIHF, und er durfte gleich zwölf Partien leiten! Das Nachrichtenmagazin Der SPIEGEL titelte damals: „Kompalla, der deutsche Senkrechtstarter!“
Ein Spruch eines schweizerischen Schiedsrichterkollegen hatte sich Kompalla als Motto ins Gehirn gebrannt: „Du musst pfeifen, als hättest du einen Spatz in der Hand. Bist du zu streng, drückst die Hand zu, ist der Spatz tot – machst du die Hand auf, bist zu lasch, lässt alles durchgehen, ist der Spatz weg. Leben und leben lassen – der Mittelweg ist der richtige. Aber konsequent. Egal wer vor dir steht. Auf dem Eis sind alle gleich.“ Auch sein Schwiegersohn Benoit Doucet, damals bei der DEG, musste das übrigens erfahren.
1972 und 1974 wurde Kompalla auch für die Summit Series, den damals viel beachteten Vergleich der UdSSR mit Kanada nominiert. Hierbei kamen ihm nun die erworbenen Russischkenntnisse sehr entgegen. Denn: Ob Russisch oder Englisch, keiner der Spieler konnte ihm etwas vormachen. Das entscheidende achte Match am 28. September 1972 in Moskau zu pfeifen, war für ihn etwas ganz Besonderes und zählt zu den Highlights seiner langen Karriere. 34 Sekunden vor Ende der Partie erzielte Paul Henderson den Siegtreffer für Kanada. Damit ging auch die spannende Serie knapp an Kanada. Die Kanadier hatten sie mit drei Siegen zum Schluss noch gedreht.
Von seinen bisher 90 Lebensjahren wurden mindestens 85 Jahre bestimmt von seiner großen Leidenschaft, dem Eishockey. Sogar seine Tochter Nicole (Foto) schaffte es als Schiedsrichterin, inspiriert von ihrem Vater, bis in die Bundesliga. Der jetzt 90-Jährige brachte es nach seiner ‚„spielenden“ Karriere noch auf 2.019 „pfeifende“ Spiele. Bei drei Olympischen Spielen (1976 in Innsbruck, 1980 in Lake Placid und 1984 in Sarajewo) hat er aktiv gepfiffen und bei weiteren drei Olympiaden war er als Supervisor vor Ort (1992 in Albertville, 1998 in Nagano und 2006 in Turin). Er hat bei zwölf Weltmeisterschaften auf dem Eis für Ordnung gesorgt, beim Istwestija-Cup in Moskau und in Davos beim Spengler Cup, dazu hat er 157 Länderspiele geleitet.
Seine Expertise war überall gefragt: Er hat Lehrgänge in China, Süd- und Nordkorea sowie in Japan abgehalten, war zweimal in Australien.„Ich war, glaube ich, eishockeytechnisch insgesamt in 47 Ländern aktiv“, erinnert er sich zurück.
„Kompalla, wir wissen, wo dein Auto steht!“ oder „Das Wasser ist schmutzig, die Luft ist rein, Kompalla muss ertrunken sein!“, waren nur zwei der Schmähgesänge, die in Deutschlands Eishallen skandiert wurden. Der so Gescholtene nahm es aber sportlich und sogar mit ein wenig Stolz: „Kollegen berichteten, dass, wenn die Fans mit deren Leistung nicht zufrieden waren, lautstark nach mir gerufen wurde: Wir wollen den Kompalla sehn!“
Egal, ob Fan oder Spieler, es war eine Art Hassliebe, die auch auf großem Respekt basierte. Ab und an fährt er heute noch in die Arena und sieht sich die Spiele seiner Krefeld Pinguine an. Auch in der Kabine seiner Schiedsrichterkollegen schaut er ab und an vorbei. Kritik aber will er keine üben. Zu sehr haben sich aus seiner Sicht Regeln und Spiel an sich geändert. „Meine Schiedsrichterzeit ist vorbei. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich alles erreicht habe.“
Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, Jupp Kompalla.
Ivo Jaschick