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Mittwoch, 11. Februar 2026

Viermal Olympia und NHL-Kenner Stefan Ustorf im Interview: „Im Endeffekt wird das ganze Eishockey von diesem Turnier profitieren"

Stefan Ustorf (52) ist seit März 2021 Sportdirektor der Nürnberg Ice Tigers. Als Aktiver stürmte der gebürtige Kaufbeurer von 1994 bis 2006 viermal in Folge bei Olympia.
Foto: IMAGO/Zink

Geht es um die bevorstehende Rückkehr der NHL-Profis auf die Olympia-Bühne, gibt es in Deutschland wohl kaum einen besseren Gesprächspartner als Stefan Ustorf. Der Sportdirektor der Nürnberg Ice Tigers stürmte nicht nur als Aktiver bei vier Winterspielen (Lillehammer 1994, Nagano 1998, Salt Lake City 2002, Turin 2006) und ab 1998 dreimal davon mit NHL-Beteiligung, er gilt darüber hinaus als Fachmann für die National Hockey League – nicht zuletzt, weil Ustorf im Trikot der Washington Capitals selbst 59 Matches in der stärksten Liga der Welt absolvierte. Im großen Interview spricht der 52-Jährige über die Bedeutung des Turniers in Mailand für den Eishockeysport, seine Favoriten, seine persönlichen Olympia-Erinnerungen – und selbstverständlich auch über die Rolle der DEB-Auswahl. 

Herr Ustorf, welchen Stellenwert hat das erste Olympia-Turnier mit NHL-Beteiligung seit 2014 aus Ihrer Sicht, und welche Chancen bietet es für den Eishockeysport?
Stefan Ustorf: „Der Stellenwert für das Eishockey ist enorm hoch. Wenn du Eishockey weiter wachsen lassen willst, haben Turniere wie diese Olympischen Winterspiele oder der World Cup of Hockey, bei denen wirklich die besten Spieler des Planeten gegeneinander spielen, einen unglaublichen Effekt. Das generiert neue Märkte, das generiert neue Fans. Ich finde es schade, dass es zwölf Jahre gedauert hat. Es ist zwar ein komplizierter Prozess, um alle an Bord zu kriegen, und du musst eine unglaublich lange Pause in der regulären Saison machen – aber es ist mit Sicherheit der beste Weg, um unser Spiel einer breiten Masse zu präsentieren.“

Kann es tatsächlich, wie häufig vorhergesagt, das qualitativ beste Eishockeyturnier aller Zeiten werden?
Stefan Ustorf: „Das ist immer schwer zu beurteilen. Wenn ich mir zum Beispiel Kanadas Mannschaft von 2002 anschaue, tue ich mich schwer damit zu sagen, dass es viel besser geht. Es waren unzählige Hall of Famer in dieser Truppe, Joe Sakic hat damals gefühlt Linksaußen in der dritten Reihe gespielt. Bei den absoluten Top-Nationen kann man also immer diskutieren, ob frühere oder jetzige Mannschaft auf dem Papier besser sind. Wo es aber keine Diskussionen gibt, ist, wie sehr die anderen Länder aufgeholt haben, wie viel besser Mannschaften wie Deutschland, die Schweiz oder Lettland geworden sind. Und das hebt natürlich das Niveau des ganzen Turniers.“

Sie haben den schwierigen Prozess erwähnt, den es stets für eine Olympia-Teilnahme der NHL-Profis benötigt. Hatten Sie durch Ihre Kontakte den Eindruck, dass die Zeit nun primär wegen des Drucks von Seiten der Spieler reif war? Schließlich gibt es in der NHL absolute Megastars wie Nathan MacKinnon oder Connor McDavid, die bereits die 30 Jahre geknackt haben oder an ihnen kratzen, aber noch nie die Chance hatten, an Winterspielen teilzunehmen.
Ustorf: „Für mich war es ganz klar der Wunsch der Spieler, ja. Die Athleten haben hier federführend gearbeitet. Vier Wochen Pause innerhalb einer Saison, das ist für alle Verantwortlichen nicht so einfach. Wenn ich Besitzer einer NHL-Mannschaft bin und einem Spieler 15 Millionen Dollar im Jahr bezahle, ist eine Verletzung bei Olympia ein Risiko, das ich eigentlich nicht eingehen will. Aber ich glaube, dass auch die Besitzer erkannt haben, wie gut ein solches Turnier für das Eishockey im Allgemeinen ist und dass es die Werte ihrer Spieler und damit ihrer Mannschaften steigen lassen wird. Im Endeffekt wird das ganze Eishockey von diesem Turnier profitieren, das sieht man auch an der Vorfreude aller Beteiligten.“

Sie haben bereits angesprochen, dass die einst etwas kleineren Eishockeynationen aufgeholt haben. Sehen Sie dennoch Kanada und die USA ein Stück über dem Rest, oder sagen Sie eher, dass es fünf oder sechs Teams, bei denen es tatsächlich nur auf die Tagesform ankommen wird?
Ustorf: „Da muss man schon realistisch sein. Auf dem Papier sind Kanada, die USA und für mich dazu noch Schweden ganz klar die Favoriten. Aber ich glaube auch, dass die Chance auf eine Überraschung wesentlich größer geworden ist.“
 
Wo ordnen Sie die deutsche Mannschaft im Teilnehmerfeld ein? Geht es erst einmal primär darum, ins Viertelfinale zu kommen und dort auf einen perfekten Tag zu hoffen, oder sehen Sie die DEB-Auswahl hinter den von Ihnen genannten Favoriten auf Augenhöhe mit Nationen wie Tschechien oder der Schweiz?
Ustorf: „Mit der Schweiz auf jeden Fall, da müssen wir uns keiner Weise verstecken. Sicher hat die Schweiz in den vergangenen zehn Jahren ein oder zwei mehr Medaillen geholt bei einer WM, aber wir dafür eine Olympia-Silbermedaille. Da wird die Tagesform entscheiden. Tschechien ist auf diesem Niveau vielleicht ein bisschen erfahrener als die Schweiz und Deutschland, aber ich glaube, dass wir auch gegen diese Mannschaft hervorragend mithalten können. Viel wird darauf ankommen, wie unsere Top-Stars und unsere Torhüter spielen. Deutschland ist inzwischen auf einem Niveau angekommen, mit dem wir in die Top Acht der Welt gehören. Wenn wir in Turniere wie Olympia oder die WM gehen, sollten wir nicht erwarten, um eine Medaille mitzuspielen – aber wir sollten auch nicht überrascht sein, wenn es funktioniert.“

Wenn über den deutschen Kader gesprochen wird, ist oft die Rede von einem Überangebot im Sturm, gleichzeitig aber auch von fehlender Tiefe auf gehobenem internationalen Niveau in der Verteidigung. Würden Sie mit dieser Einschätzung mitgehen?
Ustorf: „Das ist vor einem Turnier schwer zu sagen, da muss man abwarten. Auf dem Papier müssen wir aber schon sagen, dass unsere Verteidigung schwächer einzuschätzen ist als unser Sturm. Moritz Seider ist ein absoluter Top-Star, danach haben wir Kai Wissmann, den für mich zweitbesten deutschen Verteidiger, der aber leider eine sehr lange Verletzungspause hinter sich hat. Da muss man abwarten, wie gut er sich davon erholt hat. Fakt ist aber, dass wir es uns zu keinem Zeitpunkt leisten können, auf einen Kai Wissmann zu verzichten. Klar gibt es den einen oder anderen Verteidiger, bei dem man sich vielleicht Gedanken machen kann, was das Tempo bei Olympia angeht. Aber wir haben die Entscheidungen von Harry Kreis zu respektieren und zu akzeptieren, auch wenn wir zu Hause alle Bundestrainer sind. Aber Harry hat sehr viel Erfahrung und macht das schon lange genug.“

Wie entscheidend wird die mentale Frische sein? Bei einer WM sind es sieben Gruppenspiele, um das eigene Ziel zu erreichen, bei Olympia dagegen geht es nach drei Vorrundenmatches schon in den K.-o.-Modus.
Ustorf: „Mental ist das eine komplett andere Situation. Dein Kurzzeitgedächtnis darf nicht funktionieren, du musst Dinge sehr schnell vergessen und immer nach vorne schauen. In diesem Turnier kann in kurzer Zeit unglaublich viel passieren, dazu ist es Olympia, also passiert auch unfassbar viel um dich herum. Da musst du erst mal in der Lage sein, dich zu 100 Prozent auf Eishockey zu konzentrieren. Für viele Athleten ist Olympia eine einmalige Sache, also gehört es auch dazu, das Happening und den Moment zu genießen. Aber da muss man eben die gesunde Mitte finden.“

Sie persönlich durften das Happening Olympia gleich viermal mitmachen. Was ist von diesen Erlebnissen bei Ihnen besonders hängengeblieben, und was haben Sie sportlich mitgenommen – insbesondere aus den drei Turnieren gegen NHL-Profis?
Ustorf: „Du hast gesehen, dass du sportlich in gewisser Weise mithalten kannst, aber dass es teilweise doch Welten sind, was die Feinheiten angehst, wenn du gegen Leute wie Mario Lemieux, Mats Sundin, Eric Lindros, Steve Yzerman oder Joe Sakic spielst. Das war wahrscheinlich auch eines meiner größten Probleme, warum es in der NHL nicht länger geklappt hat – du ertappst dich ab und zu dabei wie du denkst, dass du vielleicht doch nicht hierhin gehörst. Die Mentalität der deutschen Eishockeyspieler hat sich aber zum Glück seit meiner Zeit sehr, sehr verbessert, wir gehen jetzt ganz anders in diese Turniere. Bei uns ist früher so unfassbar tiefgestapelt worden, dass von offizieller Seite teilweise sogar Japan der Favorit gegen Deutschland war. Das waren Dinge, die dir als Spieler unglaublich auf den Keks gingen. Aber die heutigen deutschen Spieler fühlen, dass sie auf dieses Level gehören – und sie gehören auch dorthin. Es sind schließlich nicht irgendwelche NHL-Spieler, die jetzt mitspielen, sondern Spieler, die in der NHL den Unterschied machen.“

Und welche Erlebnisse neben der Eisfläche haben sich eingeprägt?
Ustorf: „Hängengeblieben von all meinen olympischen Turnieren sind die Begegnungen, die zum Beispiel im Olympischen Dorf beim Essen stattgefunden haben. Ob es ein Schorsch Hackl war oder Susi Erdmann war: Wenn du dich mit deutschen Wintersport-Stars unterhalten hast, die dann auch mal zu den Spielen gekommen sind, waren das tolle Erlebnisse. Da hast du dir als Eishockeyspieler ab und zu gewünscht, ein bisschen mehr Zeit zu haben, um die anderen deutschen Athleten zu unterstützen, was leider nicht immer funktioniert. Aber dieses Gefühl des Zusammenhalts, das du als deutscher Olympionike hast, ist etwas, was man dir nie wieder nehmen kann. Während meiner Karriere ist mir das nie wirklich bewusst geworden, aber jetzt mit 52 Jahren hier zu sitzen und sagen zu können, dass ich an vier Winterspielen teilnehmen durfte, ist gar nicht so schlecht. Meine Schwester Michaela war 1988 als Kunstturnerin in Seoul ja auch bei Olympia. Heute am Tisch zusammenzusitzen und sagen zu können, dass beide Kinder im Haus an Olympia teilgenommen haben, ist etwas, worauf man mit einem gewissen Stolz schaut, wenn man älter wird.“

Interview: Stefan Wasmer


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Notizen

  • gestern
  • Julian Wäser wird den Hannover Indians am Freitag im Oberliga-Nord-Spiel gegen die Füchse Duisburg fehlen. Der Verteidiger ist nach seiner zweiten Fünf-Minuten-Strafe wegen Fighting in dieser Saison automatisch gesperrt.
  • vor 2 Tagen
  • Lukas Gohlke vom EC Peiting wird für seinen Check gegen das Knie seines Gegenspielers im Spiel gegen Heilbronn am 1. Februar für drei Oberliga-Süd-Partien gesperrt. Dies teilte die Liga am Sonntag mit.
  • vor 4 Tagen
  • Verteidiger Pascal Widmann und Angreifer Philipp Nuss von der U20 der Bietigheim Steelers erhalten eine Förderlizenz für die Heilbronner Falken (Oberliga Süd) und können damit im weiteren Saisonverlauf für den Club zum Einsatz kommen.
  • vor 4 Tagen
  • Die Erding Gladiators und Verteidiger Moritz Köttstorfer gehen getrennte Wege. Köttstorfer kam mit der Bitte auf die Gladiators zu, den Verein verlassen zu können. Er wechselt nun ligaintern zum EC Peiting.
  • vor 5 Tagen
  • Neue Anfangszeit für das Spiel der Zwischenrunde Gruppe 2 in der Oberliga Nord: Die Begegnung zwischen Herford und Leipzig beginnt am kommenden Sonntag bereits um 18 Uhr und nicht um 18.30 Uhr.
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